Kalender

Jahreskalender mit Bleistiftgrafiken sind zu den folgenden Themen entstanden:

Jugendstil in Riga   2011

Die Franzosen nennen sie „Art Nouveau“, in England existiert sie unter den Na­men „Arts and Crafts“ und „Modern Style“ und im deutschsprachigen Raum fasst man heute alle ihre vielerlei Spielarten gewöhnlich unter dem Sammelbe­griff „Ju­gendstil“ zusammen. Gemeint ist die am Ende des 19. Jahr­hunderts fast gleichzei­tig überall in Europa entstandene Bewegung, die sich gegen den zum austauschba­ren Ornament verkommenen „Ballast“ des Historismus auf­lehnte und vehement nach Alter­nativen suchte. Obwohl sie kaum mehr als 20 Jahre währte, wurde sie zu einer der schillerndsten und zugleich produktivsten Epochen der europäischen Kulturgeschichte.
Aufbruchstimmung war angesagt, Bruch mit Tabus in allen Lebensbereichen, schwärmerischer Idealismus, Symbolismus und spätromantische Phantasie in Ma­lerei und Musik, heroisches Pathos, Eleganz und Erhabenheit, jugendliche Fri­sche, Frühlingsstimmung und herbstliche Melancholie, alles zugleich, mitein­ander konkurrieremd oder ineinan­der verwoben. „Die Jugend“ war der vielsa­gende Titel einer in München erschie­nenen Wochenzeitschrift, in der die Prot­agonisten dieser vielschichtigen Bewe­gung ihre Ideen verbreiten konnten. Der Name wurde zum Stilbegriff.

Es ist verständlich, dass dabei die verschiedenen nationalen Mentalitäten höchst unterschiedliche Erscheinungsformen entstehen ließen. So neigten die französi­schen Künstler mehr zu eleganten, vegetabilen Formen, die an die Schwünge des Rokoko erinnern. In England schätzte man eine eher nüchterne, strenge, am Hand­werklichen orientierte Formensprache. In Mitteleuropa trafen sich beide Richtun­gen, stießen als Extreme aufeinander oder vermengten sich und brachten neue Formen hervor.
Der große Bauboom um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ließ Städte wie Wien, München, Leipzig, oder Darmstadt und viele andere zu Zentren der neuen Bewegung werden. Selbst am Rande Europas in Skandinavien, Russland und so­gar in Istanbul waren die neuen Ideen lebendig.

Allerdings gerieten längst nicht alle der neu entstandenen Gebäude zu Gesamt­kunstwerken im Sinne des neuen Zeitalters. In den meisten Fällen – vor allem  bei den vielen prächtig verzierten Mietshäusern für das gehobene Bürgertum – wurden nur den Fassaden anstelle der jetzt verpönten historistischen Archi­tekturdekoration ein nicht minder üppiger Schmuck in den Formen des Jugend­stils ver­passt. Fundamentalen Kritikern wie dem Puristen Adolf Loos diente dies zum An­lass, jegliche Ornamentik grundsätzlich als sinnlose und verschwenderi­sche „Tä­towierung“ zu verdammen, die eines kulturbewussten Europäers nicht würdig sei (Adolf Loos: „Ornament und Verbrechen“, Wien 1908).
In der Tat waren die neu­en Gestaltungsideen und ihre Formensprache schon um die Mitte des ersten Jahr­zehnts nach der Jahrhundertwende ebenso zu aus­tauschbaren Ornamenten miss­braucht worden wie zuvor der Formenvorrat des Historis­mus. So waren es schließlich die Protagonisten des Jugendstils selbst, die sich enttäuscht von ihren Idealen abwandten, um sich den neuen schmuck­losen Ge­staltungszielen des 1907 gegründeten Deut­schen Werkbundes zuzuwen­den, aus dem nach den Wirren des ersten Weltkrieges das neue Gestaltungspa­radigma des Bauhauses hervorgegangen ist.

Der Jugendstil bzw. das, was von ihm übrig geblieben war, erlebte in den 20er Jahren in der kurzen Epoche des „Art Deko“ eine letzte Nachblüte und wurde schließlich nach dem 2. Weltkrieg in der Mitte des 20. Jahrhunderts den damali­gen Architekturstudenten als Inbegriff  gestalterischer Entgleisung vorgeführt.

In der Bevölkerung empfand man indessen die Gestaltarmut der kubischen Bau­hausideale zunehmend als emotionalen Mangel. Die Formen des Jugendstils wur­den sehr bald als Zeugnisse einer gestalterischen Luxusepoche sozusagen neu ent­deckt und stehen seit langem wieder im Zentrum eines begeisterten In­teresses. Be­deutende Jugendstilgebäude sind als europäische Kulturgüter längst zu Tourismus­zielen geworden. Objekte, die man noch vor Jahren als wertlos verachtet hatte, er­scheinen nach ihrer Restaurierung in neuem Licht und führen zu einem tieferen Verständnis für die Fragen der Zeit unserer Urgroßeltern, was uns vielleicht des­wegen so anrührt, weil diese Fragen den unsrigen recht ähn­lich sind.

 


 

 

 

Der Eiserne Vorhang, der Ost und West für lange Zeit zu verschiedenen Welten machte, war wohl die Ursache dafür, dass bei uns eines der bedeutendsten Zen­tren der Jugendstilarchitektur wenig bekannt und kaum beachtet blieb: Riga, die alte Hansestadt, die trotz ihrer sehr deutsch anmutenden baltischen Kultur zur Zeit des Jugendstils dem russischen Zarenreich einverleibt war.

Der Wirtschaftsboom um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert führte bei dem damals bedeutendsten russischen Handelshafen an der Ostsee zu einer re­gen Bautätigkeit und zum Entstehen ganz neuer Stadtteile.
Für Architekten wie Konstantin Peksens, Eizens Laube, vor allem aber für den in der städtische Bauverwaltung tätigen Michail Eisenstein boten sich hier fast gren­zenlose Möglichkeiten, die gestalterischen Ideen der neuen Epoche zu rea­lisieren. Eisenstein wurde damals zum Schöpfer ganzer Straßenzüge im neuen Ge­wande, wobei er von der bekannten Formen- und Dekorpalette aus den Kern­städten des europäi­schen Jugendstils ausgiebigsten Gebrauch machte:
Männer- und vor allem Frauen­gestalten als Atlanten, Hermen und Karyatiden, Masken aller Art, Drachen und andere Fabelwesen, Liniengeflechte sowie Neu­deutungen historistischer Architekturelemente bildeten das immense Reservoir, aus dem er seine Fassadenentwürfe zusammenstellte. Es wird berichtet, dass er sich bei der Konzeption neuer Gebäude stets zunächst mit dieser Außengestal­tung be­fasste und das Innenleben der Gebäudes in der Regel dem Fassaden­schauspiel un­terordnete. Eisenstein war damit in besonderer Weise ein Archi­tekt der Jugend­stilornamentik und lieferte mit seinen Arbeiten exakt das, was Adolf Loos in sei­nem Pamphlet „Ornament und Verbrechen“ als „Tätowierung“ brandmarkte.

Auch wenn die heutigen Besucher der Stadt Riga andere ästhetische Ideale ha­ben mögen, so erfreuen sich dennoch an der schwelgeri­schen Formenvielfalt der Eisensteinschen Bauten und betrachten es als Glück, dass diese die Wirren des Krieges ohne nennenswerte Schäden überstanden haben und heute – sozu­sagen als entschädigender Kontrast zu den trostlosen Plattenbau­ten sozialisti­scher Prove­nienz – nach sorgfältiger Restaurierung in jugendlicher Frische er­strahlen und damit dem Namen ihres Stils gerecht werden.

Die Blätter dieses Kalenders zeigen einige der besonders charakteristischen De­tails des zum Gattungsbegriff gewordenen Rigaer Jugendstils.

Traugott Wöhrlin
2010


Divrigi  2010

Maschrabiyas   2009

Mit dem Wort „Harem“ verbinden die meisten Angehörigen unserer westlichen Kultur Vorstellungen aus der Märchenwelt von Tausend und einer Nacht, von Haremsdamen und lüsternen Paschas, von Luxus und Erotik. Bilder romantischer Maler aus dem 19. Jahrhundert wie Delacroix, Ingres, Dulac  und vieler anderer mögen dazu beigetragen haben, vielleicht auch Opern wie Mozarts „Entführung aus dem Serail“ oder Rossinis „Italienerin in Algier“.
Wer den Orient näher kennt, weiß, dass all dies mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun hat und dass man mit dem Wort „harem“ dort einen ganz anderen Inhalt verbindet.

Das für die arabische Sprache so charakteristische System der Wortwurzeln ermöglicht es, die Verwandtschaft von Begriffen zu erkennen, die aus der selben Wurzel stammen.
Aus den drei Konsonanten HRM ist beispielsweise der für die islamische Vorstellungswelt so wichtige Begriff „haram“ hergeleitet. Er steht für Inhalte wie „tabu“, „unantastbar“, „heilig“ aber auch für „verboten“ in einem religiösen Sinn. So sind nicht nur die Pyramiden von Gizeh als Pharaonengräber „haram“ sondern auch alle anderen Grabstätten, selbst die einfacher Leute. Der Binnenbezirk jeder Moschee ist „haram“ und selbstverständlich auch die Wohnung, also die Privatsphäre jeder Familie. Man betrachtet sie als das unverletzliche individuelle Stück Unendlichkeit, das jedem Menschen von Allah als Tabuzone geschenkt ist und somit als heilig gilt – auch wenn sich in der realen Lebenspraxis die meisten Machthaber nicht unbedingt an dieses Gebot der Unverletzlichkeit des Privaten gehalten haben mögen

Aus der Konsonantenwurzel HRM ist aber auch das Wort „hurma“ abgeleitet, was „Ehefrau“ bedeutet (Pluralform:“hareem“).
Der Harem ist also beides: die als geheiligt betrachtete Privatzone der Familie im Allgemeinen sowie im engeren Sinne auch der Wohnbereich des Hauses, der den Frauen vorbehalten ist und zu dem Leute, die nicht der Familie angehören, grundsätzlich keinen Zutritt haben.
Nach islamischer Vorstellung ist dieser familiäre Intimbereich aber keine Zelle ohne Verbindung zum Rest der Schöpfung. Im Gegenteil.
Das Eingebundensein in die Welt der anderen soll trotz des Schutzes der Individualität permanent bewusst bleiben. Undurchdringliche Mauern und Wände vermögen dieses Bewusstsein aber nicht zu vermitteln, weil sie nicht nur den Blick von außen nach innen versperren, sondern ebenso den von innen nach außen.
Die kunstvollen Gitterwerke, die früher an den Häusern aller islamischen Städte zu finden waren, lösen diese Aufgabe aber perfekt. Sie gleichen hölzernen Vorhängen, die den Einblick wirksam verwehren, den Ausblick aber kaum behindern. Warum man für diese Aufgabe in der gesamten islamischen Welt vorzugsweise Holz gewählt hat und nicht andere Materialien wie z.B. Schmiedeeisen, ist nicht bekannt.

Faszinierend ist auf jeden Fall die Vielfalt der Formen und Konstruktionen, die dafür zwischen Indien und Marokko erfunden wurden. So unterscheiden sich die ausgesägten und meist auch mit dem Schnitzmesser bearbeiteten floralen Gitterornamente jemenitischer Holzfenster (man nennt sie dort „Schubak“) grundlegend von den aus feinen gedrechselten Stäben zusammengesetzten Holzvorhängen Ägyptens oder den ebenfalls gedrechselten aber mit kunstvollem geometrischen Leistenwerk kombinierten Gitterelementen des Maghreb.
Der Respekt vor diesen Handwerksleistungen wächst erheblich, wenn man weiß, dass alle diese Gebilde grundsätzlich ohne Leim nur lose zusammengesteckt und allenfalls mit Holznägeln fixiert sind.


 

 

 

Leider findet man diese für die alte islamische Welt so typischen Kunstwerke immer seltener und wenn, dann meist in erbärmlichem Zustand. Ihre Erhaltung ist viel zu teuer und aufwändig, ganz davon abgesehen, dass es kaum noch Handwerker gibt, die über genügend Erfahrung und Geschicklichkeit für solch komplizierte Arbeiten verfügen.

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Das arabische Wort „Maschrabiya“, mit dem in den meisten Teilen der islamischen Welt diese hölzernen Gitterwerke bezeichnet werden, bedeutet eigentlich „Trinkbrunnen“. Solche segensreichen Einrichtungen in den heißen Gassen der Städte oder an den staubigen Landstraßen zu stiften, galt als sehr verdienstvoll, und man findet sie daher überall, wo das dazu nötige Wasser vorhanden ist. Um es angenehm kühl zu halten, waren diese Brunnenanlagen sehr oft mit schattenspendendem Gitterwerk aus Holz versehen.
Heute, im Zeitalter der elektrisch gekühlten Plastikwasserflaschen, sind diese hölzernen Brunnengitter so gut wie überall verschwunden. Und das Wissen um die Herkunft der Bezeichnung Maschrabiya für die hölzernen Kunstwerke an den Fenstern damit eben auch.

Traugott Wöhrlin
2009

Dreisamtal  2008



Türen aus Holz  2006



   
surhebel aus 2003

Burma 2005

 

 

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Reiseberichte

   
Morbili aus 1986

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