Masken mit dem Zeichen „TW“

Mehr als ein halbes Jahrhundert Schemenschnitzerei

Masken aus Villingen

Wer als Hobby-Holzbildhauer in einer Narrenstadt wie Villingen lebt oder eine Zeit lang gelebt hat, der kommt nicht umhin, sich auch einmal als Maskenschnitzer – in Villingen sagt man „Schemen-Schnitzer“ –  zu versuchen. Bei mir liegen diese ersten Schritte mehr als ein halbes Jahrhundert zurück und entsprechen zahlreich sind die inzwischen entstandenen Stücke mit den Schnitzerinitialen >TW< auf der Innenseite.
In Villingen ist das Schemenschnitzen allerdings etwas Besonderes, weil man es hier nicht nur mit einer der ältesten und stolzesten Maskentraditionen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht zu tun hat, sondern auch mit einer Maskenkultur, in der die strenge Bindung an vorgegebene Maskentypen genauso ernst genommen wird wie die individuelle Einmaligkeit jeder einzelnen Maske.  Neben den zu bewältigenden handwerklichen Fragen bedeutet diese doppelte gestalterische Aufgabe eine große Herausforderung, deren wahre Dimension man als junger Schemenschnitzer erst allmählich begreift. Es ist also ganz normal, dass in fünfundfünfzig Jahren Stücke höchst unterschiedlicher Qualität entstanden sind, umso mehr, wenn der Schnitzer in seine Arbeit auch die kunstgerechte Fassung aus Kreidegrundierung und Farblasuren miteinbezieht, wie es bei den Schemen mit dem Schnitzerzeichen „TW“ durchweg der Fall ist.

In der historischen Villinger Fastnacht ( Link:   www.Narro.de ) spielen vier Narrenfiguren mit jeweils besonderen Maskentypen eine Rolle.  Von allen sind seit 1953 Stücke mit dem Monogramm „TW“ entstanden:

Der Narro

Seine Maske war ursprünglich ein spätbarock-lieblich lächelndes Puttengesicht. In der Biedermeierzeit des 19. Jahrhunderts wurde es von dem begnadeten Villinger Holzbildhauer Dominik Ackermann, genannt „Ölmüller“ (1779-1836) und seinem Nachfolger Wilhelm Sieber (1853- 1899) zu einem klassisch-ebenmäßigem Gesicht umgeformt, das weder männliche noch weibliche Züge aufweist, dafür aber ein charakteristisch-geheimnisvolles Lächeln besitzt, welches der Maske etwas Unnahbares verleiht und sie zur wahrscheinlich „schönsten“ Maske der ganzen Schwäbisch alemannischen Fastnacht hat werden lassen. Bis heute ist der „Ölmüller“  für alle Villinger Schemenschnitzer das große aber selten erreichte Vorbild geblieben.

. Narro aus 2004 . Narro aus 2004 . Narro um 1986 . Narro aus 2004 . Narro aus 2004

. . . . . . Schemmenarchiv: . . . . . <1955-1975> . ; . <1976-1990> . ; . <1991-1999> . ; . <2000-heute>

 
   

Der Surhebel

Diese Maske ist das lebensrealistische Gegenstück zur ästhetisch-schönen Narromaske: ein grießgrämiger Kritiker mit sarkastisch-unfrohem Gesicht, das schon in den ältesten Beispielen sehr oft Porträtcharakter hatte. Da die närrischen Zwiegespräche zwischen Maskenträger und Zivilisten – in Villingen nennt man so etwas „Strählen“ – mit solchen zuweilen abweisenden Surhebelmasken sehr leicht einen unerwünscht-aggressiven Charakter gewinnen können, hat sich in jüngerer Zeit der Surhebel zu einer eher verbindlich-spöttischen, zuweilen auch spöttisch-überheblichen Maske gewandelt. 
Da ich als junger Schnitzer davon überzeugt war, dass auch diese Art Masken wenigstens einen Rest von Maskenhaftigkeit behalten sollten, hat es etliche Jahre gedauert, bis sich bei meinen Surhebelschemen der rein porträthaft-spöttische oder unfroh-kritische Gesichtscharakter endgültig durchgesetzt hat.

. Narro aus 2004 . aus 2004 .aus 1990 . aus 2005 . . Narro aus 2004

. . . . . . Schemmenarchiv: . . . . . <1955-1975> . ; . <1976-1990> . ; . <1991-1999> . ; . <2000-heute>

 
   

Das Morbili

Diese Maske verkörpert den Typ einer alten, vom Leben gezeichneten Frau, der trotz harter Lebenserfahrungen der Sinn für verstehenden, manchmal auch spöttischen Humor nicht abhanden gekommen ist. Wie beim Surhebel haben auch diese Masken sehr oft Porträtcharakter.

Die in den letzten Jahren rapide gewachsene Nachfrage nach solchen Schemen hat es schwierig gemacht, immer wieder neue originelle Ausdrucksformen für diesen altweiblichen Charaktertyp zu finden, mit denen man als Schemenschnitzer einer drohenden Vermassung entgegenwirken kann. Aber gerade in dieser Herausforderung liegt für den Schemenschnitzer der besondere Reiz bei der Gestaltung von Morbilischemen.

. . Morbili aus 2004. . Morbili um 2000 . . . Morbili aus 2004

. . . . . . Schemmenarchiv: . . . . . <1955-1975> . ; . <1976-1990> . ; . <1991-1999> . ; . <2000-heute>

 

Die Alt Villingerin

Die historische Tracht der Villinger Bürgerinnen mit Seidenschürze, Kaschmirschal und goldener oder schwarzer Radhaube hat eigentlich mit der Fastnacht nichts zu tun. Aber als traditionelle Begleiterin des Villinger Narros gehört sie eben doch dazu. Und in diesem Falle trägt sie auch eine geschnitzte Holzmaske, ein anonymes aber möglichst sympathisches Frauengesicht. Selbstverständlich gibt es in Villingen etliche Masken dieser Art mit dem Schnitzerzeichen TW auf der Innenseite.

Alt Villingerin

   

Wie eine Maske entsteht

Die wenigsten Leute haben eine klare Vorstellung davon, wie eine Holzmaske entsteht.
In der Regel beginnt der Prozess mit einer Serie von Bleistiftskizzen, in denen die Idee für den Charakter der Maske erste Gestalt gewinnt.


 


Manchmal genügt das schon, um direkt zur Arbeit am Holz überzugehen.  Sicherer ist aber der Weg über ein kleines Modell aus Ton oder Knetmasse, an dem der Charakterausdruck der Maske noch deutlicher studiert und fixiert werden kann.


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Die eigentliche Bildhauerarbeit beginnt dann mit einem ca. 15 cm dicken Klotz aus Lindenholz von etwa 18 cm Breite und 25 bis 26 cm Höhe.


Der ovale Rohling wird an der Bandsäge aus diesem Klotz herausgeschnitten und von der Rückseite her mit einer Figurenschraube so an einem Kantholz befestigt, dass man ihn an der Werkbank in jede Lage drehen und dennoch fest einspannen kann. Schon beim Erarbeiten der groben Form muss man auf die richtigen Proportionen achten, weil spätere Korrekturen kaum mehr möglich sind. Das Herausarbeiten der feinen Details verlangt jetzt viel Geduld und höchste Konzentration, d.h. man muss immer wieder prüfen, mit der Skizze oder dem Modell vergleichen und beurteilen, ob man den gewünschten Ausdruck erreicht hat. Erst mit dem endgültigen Feinschliff ist diese kreative Arbeitsphase abgeschlossen.


Wesentlich weniger Kreativität  aber umso mehr handwerkliches Geschick und Fingerspitzengefühl verlangt der Arbeitsgang des Aushöhlens, weil hierbei die Maske nicht fest eingespannt werden kann aber dennoch auf eine Wanddicke von 4 bis maximal 7 mm ausgearbeitet werden muss. Diese Dünnwandigkeit ist nötig, damit die Maske für den Träger nicht zu schwer wird, vor allem aber, damit sie als Resonanzkörper wirkt, der den Klang der Stimme verändert. Die fertig ausgearbeitete Maske sollte nicht mehr als 250 bis höchstens 350 Gramm wiegen.

Die Arbeitsphase des „Fassens“ beginnt mit dem Auftragen des drei- bis vierlagigen Kreidegrundes aus Schlämmkreide und verdünntem Leim. Dabei wird nach jeder Grundierlage fein geschliffen und darauf geachtet, dass die zarten Details der plastischen Form durch die Kreideschicht nicht zerstört werden.

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Erst jetzt beginnt der Farbauftrag aus mehreren sehr dünnen Öllasurschichten. Nach deren vollständiger Durchtrocknung bekommt die Maske einen ebenfalls zweischichtigen Überzug aus Klarlack, wobei die Innenseite der Maske mitlackiert wird, um dort das Eindringen der schädlichen Atemfeuchtigkeit in das Holz zu verhindern.
Ganz zuletzt wird das „Kranzhaar“ aus einem aufgedrehten Rosshaarzopf auf ein breites Strapsband aufgesteppt, mit den farbigen Schleifchen versehen und auf der Maske durch die dort vorgebohrten kleinen Löcher festgenäht. Dieser scheinbar nebensächliche letzte Arbeitsgang kann den Charakter der Maske wesentlich verändern, weil die Fülle des Kranzhaares im rechten Verhältnis zur Fülle des Maskengesichts stehen muss.
Da die individuellen Gesichter der Maskenträger sehr unterschiedlich geformt sind, muss jede Maske durch kleine angeheftete Pölsterchen auf der Innenseite so angepasst werden, dass zwischen Gesicht und Maskeninnenseite eine wenigstens 1,5 cm dicke Luftschicht als Resonanzraum für die Stimme bleibt.

Wer diese zahlreichen und z.T. höchst anspruchsvollen Arbeitsgänge kennt, wird den Wert einer Villinger Fastnachtsmaske zu schätzen wissen und entsprechend sorgsam mit ihr umgehen.
Als Bildhauer ist man nicht selten versucht, eine Maske ohne farbige Bemalung zu belassen, weil der Reis des Plastischen nach Abschluss der Kreidegrundierungin der reinsten Form zu erleben ist.  Aber als „Scheme“ und damit wichtigster Teil vom Narrenhäs sind solche „halbfertigen“ Gebilde natürlich nicht zu gebrauchen.

 

Masken aus Donaueschingen und Rottweil

Die Villinger Maskentradition ist nur ein Teil der Schwäbisch-Alemannischen Fastnacht. Es gibt noch viel mehr interessante Narren- und Maskentypen darum herum. Wenn man in Donaueschingen aufgewachsen ist, möchte man sich als Maskenschnitzer natürlich auch einmal an einer „Eschinger“ Hansellarve versuchen und herausfinden, wodurch sie sich von den Villinger „Schemen“ unterscheidet, umso mehr, wenn der Donaueschinger Hansel die allererste Narrenfigur war, der man im Leben überhaupt begegnet ist.

Die Rottweiler Fastnacht ist sicherlich die bunteste ihresgleichen. Sie hat eine Menge unterschiedlicher Larventypen, von denen das „Biss“ und der teufelsgesichtige „Federehannes“ vielleicht die auffälligsten sind. Nur so zum Spass oder „zu Studienzwecken“ sollte sich ein Villinger Schemenschnitzer auch einmal mit den Holzlarven dieser Konkurrenz befasst haben. Bis jetzt gibt es nur vier Rottweiler Larven mit dem Schnitzerzeichen TW. Wahrscheinlich bleibt es auch dabei.

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Tibetische Kultmasken

Wer tibetische Maskenkultur erleben will, braucht nicht unbedingt über den Kamm des Himalaya ins eigentliche Tibet. Auch in Bhutan am Ostende des großen Gebirges gibt es solche Masken und die bhutanischen Klosterfeste sind wahre Maskenorgien. Wenn ein Maskenschnitzer – egal woher er kommt – bei einer solchen Veranstaltung nicht aus dem Häuschen gerät, ist er wahrscheinlich nicht ganz normal. Natürlich möchte man wenigstens eines dieser verrückten Stücke mit nach Hause nehmen, aber das ist in Bhutan streng verboten. Doch das Nachschnitzen in der häuslichen Werkstatt anhand von Fotos natürlich nicht. Die Feinheiten der tibetisch-bhutanischen Maskenkultur erschließen sich bei dieser Tätigkeit fast von allein, vor allem, wenn man den abschließenden Arbeitsgang des Fassens miteinbezieht. 

 

 

 

   
55 Jahre Schemen

Maskenschnitzerei im Buch

 

55 Jahre mit Villinger Schemen -Ein Rückblick-

von Traugott Wöhrlin

als Privatdruch im Selbstverlag des Verfasser
20099

Format 19x 23 cm. 88 Seiten, 175 Abbildungen gebunden,
Preis 24,90 € im Eigenvertieb