Warum eigentlich Zeichnen

In den Entwürfen der Bildungsplaner des 19. Jahrhunderts findet sich regelmäßig das Unterrichtsfach „Zeichnen“ als unverzichtbarer Bildungsbereich. Hier sollte sowohl das bewusste Sehen eingeübt werden als auch die Wiedergabe des Gesehenen oder Vorgestellten als eine Form der Kommunikation.
Im Zeitalter der Computersimulation und der Digitalfotografie scheinen diese Bildungsziele verzichtbar geworden zu sein, denn das Zeichnen ist längst zu einem kleinen Teilbereich im Fach „Kunsterziehung“ geschrumpft. Gleichzeitig ist ein Zeichner in den Augen der meisten Leute in die Nähe des „Künstlers“ gerückt, obwohl er vielleicht mit seiner Tätigkeit nichts anderes wollte, als genau beobachten, das Wesen einer Sache erfassen und – wo es interessant genug ist – auch die dazugehörigen Details.
Der kurze Blick durch den Kamerasucher und der Druck auf den Auslöser vermag in dieser Hinsicht nicht annähernd die gleichen Eindrücke zu vermitteln, denn der Weg vom Auge zur zeichnenden Hand führt über den Kopf und manchmal sogar über das Herz. Und weil er damit um ein Vielfaches länger ist als der Weg durch das Kamera-Auge, bietet er viel mehr Raum für Erlebnisse aller Art, die im Gedächtnis haften bleiben.

Mit dem Zeichenstift sieht man und versteht man besser !


Zeichnen und Erzählen

Wenn mehrere Erzähler dieselbe Geschichte erzählen, so klingt sie jedesmal anders, weil die Art, mit Sprache umzugehen, etwas sehr Persönliches und damit Einmaliges ist.
Zeichnen ist aber wie Sprechen. Man formt Gedanken und visuelle Eindrücke nicht mit Worten sondern mit Strichen. Der Zeichner ist Übersetzer. Seine Sprache besteht nur aus Strichen, Strichlagen (Schraffuren), Kontrasten und aus Bewegungsspuren, die er auf dem Papier hinterlässt. Und weil Striche von zart bis brutal, von zögerlich bis bestimmt, von elegant bis ungelenk tausendfältig geformt sein können, trägt alles, was damit zuwege gebracht wird, mindestens ebenso individuelle Züge wie die persönliche Sprache des Erzählers. Dass es sich dabei um Kunst handelt, ist eher unwahrscheinlich, außerdem völlig unerheblich und überdies eine Frage der Definition.

Wenn ein Architekt und Gewerbelehrer etwas zu erzählen oder zu beschreiben hat, dann handelt es sich meistens um Themen und Objekte, die mindestens ebenso gut mit dem Zeichenstift vermittelbar sind wie mit der Schreibmaschine, in der Regel am besten mit beidem zusammen.
Dass bei den Büchern, Reiseberichten und Kalendern, die auf dieser Website vorgestellt werden, die Zeichnung dominiert, dürfte damit erklärt sein.